Man könnte meinen, die Zeiten „mittelalterlicher“ Tyrannen und Despoten am Arbeitsplatz seien längst vorbei. Doch tatsächlich haben sich viele Machtmechanismen in Unternehmen weniger verändert, als es scheint. Die Zeiten, in denen ein Chef seine Untergebenen offen anschrie oder einschüchterte, wirken zwar wie aus einem alten Film — dennoch bestehen ähnliche Dynamiken oft in subtilerer Form weiter.

Eine neue Studie der University of Alabama zeigt eine auffällige Tendenz: Menschen mit psychopatischen Persönlichkeitsmerkmalen werden mit höherer Wahrscheinlichkeit Führungskräfte — allerdings gilt dies vor allem für Männer. Frauen mit denselben Eigenschaften werden dagegen eher abgestraft.

Die am 14. Oktober im Journal of Applied Psychology veröffentlichte Studie wirft Fragen über psychopatische Eigenschaften bei Führungskräften auf und zeigt zugleich, wie stark Geschlechterrollen die Wahrnehmung solcher Verhaltensweisen beeinflussen.

„Aggressives Verhalten wird bei Männern eher akzeptiert“, erklärt Dr. Peter Harms, außerordentlicher Professor für Management an der University of Alabama. „Deshalb können Männer mehr problematisches Verhalten zeigen, ohne dafür sozial sanktioniert zu werden. Wenn Frauen sich entgegen traditioneller Geschlechternormen verhalten, werden sie dagegen schneller bestraft.“

Person in Schwarzweiß

Karen Landay, Hauptautorin der Studie und Doktorandin im Bereich Management an der University of Alabama, analysierte gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Marcus Credé von der Iowa State University frühere Forschungsarbeiten sowie neue Datensätze zu diesem Thema.

Nach Ansicht der Forschenden zeichnen sich psychopatische Persönlichkeitsmerkmale vor allem durch drei Eigenschaften aus: das starke Bedürfnis nach Dominanz über andere, impulsives und wenig kontrolliertes Verhalten sowie mangelnde Empathie. Frühere Untersuchungen zeigten bereits, dass Menschen mit solchen Eigenschaften häufig Führungspositionen erreichen.

In der aktuellen Studie wollten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler herausfinden, ob es ein „optimales Maß“ psychopatischer Eigenschaften für Führungserfolg gibt — und welche Rolle das Geschlecht dabei spielt.

Die Ergebnisse zeigen: Solche Eigenschaften können tatsächlich dabei helfen, in Führungspositionen aufzusteigen. Gleichzeitig gelten Führungskräfte mit stark ausgeprägten psychopatischen Tendenzen jedoch als weniger effektiv.

„Insgesamt gibt es weder einen klar positiven noch einen klar negativen Zusammenhang zwischen Unternehmensgewinnen und Führungskräften mit psychopatischen Eigenschaften“, erklärt Harms. „Aber Mitarbeitende mögen solche Vorgesetzten meist nicht. Deshalb gehen wir davon aus, dass ihr Verhalten langfristig schädlich ist und dass Einschüchterung oder Drohungen als Motivationsstrategie letztlich nicht funktionieren.“

Besonders deutlich wurde der Unterschied zwischen Männern und Frauen: Psychopatische Eigenschaften helfen Männern häufiger dabei, als starke Führungspersönlichkeiten wahrgenommen zu werden. Bei Frauen werden dieselben Verhaltensweisen dagegen eher negativ bewertet.

„Dieser doppelte Standard ist eindeutig entmutigend“, sagt Landay. „Frauen, die Führungspositionen anstreben, hören oft, sie sollten erfolgreiche männliche Führungskräfte als Vorbild nehmen — auch wenn diese problematische oder psychopatische Verhaltensweisen zeigen. Gleichzeitig erleben Frauen dann, dass genau dieselben Eigenschaften bei ihnen deutlich negativer bewertet werden.“

Die Forschenden sehen darin ein wichtiges Thema für zukünftige Studien. Für Harms sind die praktischen Konsequenzen jedoch schon jetzt offensichtlich:

„Organisationen müssen problematisches Verhalten von Männern bewusster wahrnehmen und weniger tolerieren“, sagt er. „Lügen, manipulieren, andere ausnutzen oder verletzen darf nicht akzeptiert werden — unabhängig davon, ob dies aus persönlichen Ambitionen, organisationalem Druck oder schlicht aus egoistischen Motiven geschieht.“